Klebrig

Unter strenger Unkenntnis des kategorischen Imperativs „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“ haben sich zwei Damen von der Ganzbestimmtnichtregierungsorganisation „Alleraberauchallerletzte Generation“ mit Sekundenkleber an ein Gemälde von Lukas Cranach gepappt.

Gedacht ist das möglicherweise als Versuch, mit einer rechten und einer linken Hand die Erderwärmung um zwei oder gar vier Grad zu bremsen, aufzuhalten und zur Umkehr zu bewegen. Möglicherweise.

‚Möglicherweise‘ heißt: möglicherweise auch nicht. Man weiß erstens nicht, ob überhaupt gedacht worden ist, denn wenn man sich der eigenen Jugend recht erinnert, war der Schlachtruf damals wie heute und wahrscheinlich immer schon: „Aber wir müssen doch was tun!“ und nicht: „Wir sollten denken!“. Darum nennt man AktivistInnen ja auch AktivistInnen, und nicht etwa Cogitanten.

Gewiß, wenn Feuer unterm Dach ist, sollte die Feuerwehr rausfahren und sich nicht erst einmal zum Brainstorming zurückziehen. Das kann sie während der Bereitschaft tun. Was aber hülfe es, wenn sie sich stattdessen an den Goldrahmen von ‚Ruhe auf der Flucht nach Ägypten‘ kleben wollte?

Womit wir beim ‚Zweitens‘ wären: Der Zusammenhang zwischen Cranachs Gemälde und dem Klimawandel ist dunkel. Der Zusammenhang zwischen dem Gemälderahmen und dem Klimawandel ist auch dunkel. Und das Licht, das die Generationsdamen auf Twitter ausgießen, ist diffus und gedämpft:

Die Klimakastrophe und ihre Folgen drohen alles zu vernichten – auch Kunst und Kultur.

Um allen die Gefahr für die Menschheit begreiflich zu machen, hat sich Maja gestern an den Rahmen eines Gemäldes geklebt und besondere Aufmerksamkeit erzeugt. Sie war über Nacht in Gewahrsam.

Dunkel bleibt, warum die „Gefahr für die Menschheit“ Frl. Maja unverborgen blieb, wohingegen sie „allen“ nur begreiflich zu machen scheint, wenn sich wer vor aller Augen irgendwo dranklebt. Hatte Maja zuvor eine Vision? Hat der Engel Gottes sie besucht und sich an ihren Bettpfosten geklebt? Und sie beauftragt, hinzugehen und uns allen ins Gewissen zu twittern, auf daß wir begreifen mögen?

Und dunkel auch, warum man sie über Nacht in Gewahrsam nahm. Bestand Fluchtgefahr? Hätte man sie nicht kleben lassen können? Man denke, im Grünen Gewölbe in Dresden hätte seinerzeit ein Dutzend AktivistInnen an der Juwelenvitrine geklebt – möglicherweise wären die Juwelen jetzt noch da, und den Dieben die Augen für die Klimakatastrophe geöffnet worden.

Denn ach! dieselbe wird alles vernichten, sagt uns Maja, Gerechte wie Ungerechte, AktivistIn wie PassivistIn, Lastenrad wie SUV. Selbst unrecht Gut wird dahinmüssen, Juwelen und Goldmünzen, aber „auch Kunst und Kultur“, ja alles, was Menschen gerne mögen, was ihnen zu Herzen geht, woran sie Freude haben und an dem sie hängen. Wo nicht kleben. Autobahnzubringer! Alles das, wofür bislang der 2. Hauptsatz der Thermodynamik zuständig war, werden „die Klimakatastrophe und ihre Folgen“ vernichten.

Irgendwann wird es nicht einmal mehr Sekundenkleber geben. Dann wird man uns gar nichts mehr begreiflich machen können.

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