Puritaner unter sich

Aktivist:innen der holländischen Aktivist:innengruppe „Kick Out Zwarte Piet“ sind von Aktivist:innen der nicht minder holländischen Aktivist:innengruppe „Laatste Generatie“ zwischen Zwolle und Staphorst im Nordosten der holländischen Niederlande daran gehindert worden, rechtzeitig zur bzw. vor Ankunft des „Sinterklaas“ in Staphorst dortselbst einzulaufen und des Sinterklaas Sidekick „Zwarte Piet“ mit Fußtritten außer Landes zu jagen, wie es in den holländischen Niederlanden mittlerweile üblich ist. Außer in Staphorst. Dort hat Zwarte Piet wie vor Jahrhunderten auch heute noch einen Aufenthaltstitel, trotz seines kolonialen Hintergrundes.

Die Aktivist:innen von Laatste Generatie hatten sich zwischen Zwolle und Staphorst auf das Straßenpflaster geklebt, um dadurch den unter dem Pflaster liegenden Planeten zu retten, und die Aktivist:innen von Kick Out Zwarte Piet wollten aus Rücksicht auf die zum Teil nur gemieteten Fahrzeuge, darunter ein Reisebus, nicht einfach über sie drüber fahren. Sie hielten an. Holländische Passivist:innen aus Staphorst, darunter viele zwarte Piet:innen in traditionellem Kostüm – Pluderhosen, Kragen und Barett, breite rote Lippen, sowie Ohrringe, standen drumherum und besahen sich die Bescherung mit Interesse. Sie hätten derweil in Staphorst den Sinterklaas begrüßen können, aber der würde nächstes Jahr wiederkommen, und so ein Schauspiel wie dieses hat man auch in Staphorst nicht alle Tage.

Zumal sich herausstellte, daß etliche der Klebenden, wiewohl sie sich keinerlei Blackfacings schuldig gemacht hatten, zu ihren bleichen Gesichtern sog. „Dreadlocks“, bzw. „Locks“, oder vielmehr „Locs“, also Haare trugen. Will sagen: lange Haare. Lange Haare, die zum Teil ebenfalls bereits am Pflaster klebten, sei’s weil sie Sekundenkleber abbekommen hatten, sei’s weil sie von sich aus, oder von Natur aus bereits klebrig waren. So oder so wurde dies von den wider Willen Anhaltenden ungesäumt als kulturelle Aneignung erkannt und verworfen.

Und heftig diskutiert. War man sich hinsichtlich der Gravamina noch einig: People of no Color (PonCs), bzw. People of no Color worth mentioning (PonCwms), People of no Color to speak of(PonCtsos) und People of no Color at all (PonCaas) hatten keine verfilzten Haare zu haben, war man sich uneins, was zu tun sei. Konnte man sie auffordern, sich die Haare abzuschneiden, oder wäre das ein Eingriff in die Privatsphäre der Klebenden, der so nicht passieren durfte? Konnten sie sich die Haare überhaupt abschneiden, mit nur einer freien Hand? Hatten eigentlich alle zwei Hände? Und wenn ja, war das nicht übelster Ableism? Und gesetzt den Fall, sie hätten sich wenigstens die Gesichter mit schwarzer Schuhcreme – sie hatten sich die Gesichter nicht mit schwarzer Schuhcreme, aber nur mal angenommen, sie hätten: wären die Locks dann kulturelle Aneignung in minderschwerem Fall? Oder im Gegenteil kulturelle Aneignung 2. Grades? Kritik ward geäußert, daß dies eine akademische Diskussion 2. Grades zu werden drohte, denn sie hatten sich die Gesichter ja nicht mit schwarzer Schuhcreme, und wenn sie sie sich hätten, hätte man sie ja doch nicht mit Fußtritten außer Landes jagen können – nicht jedenfalls, solange sie klebten.

Schließlich einigte man sich, die Klebenden mit Kartoffelbrei und Tomatensuppe zu bewerfen, da sie uneinsichtig waren und nicht weglaufen konnten. Was dann aber daran scheiterte, daß man weder Kartoffelbrei noch Tomatensuppe bei sich hatte. Man war an jenem Morgen in Amsterdam aufgebrochen, ohne sich mit Kartoffelbrei oder Tomatensuppe zu versehen. Man hatte nicht damit gerechnet, ausgerechnet heute Kartoffelbreis oder Tomatensuppe zu bedürfen.

Auch die umstehenden Passivist:innen hatten weder Kartoffelbrei noch Tomatensuppe bei sich. Sie, noch weniger als die „Kick out“-Aktivist:innen, hatten am Morgen keinen Grund dazu gesehen, sich Kartoffelbrei oder Tomatensuppe in die Taschen zu stecken. Was sie in den Taschen hatten aber teilten sie bereitwillig. Es waren dies ein paar Eier, roh oder jedenfalls nur sehr weich gekocht, Pfeffernüsse – eher ungewöhnliche Demonstrationsmunition, deren Zuhandenheit wohl im sinterklaasschen Ereigniskonnex gründete, deren ballistische Eigenschaften allerdings unverächtlich und denen von Kartoffelbrei und Tomatensuppe deutlich überlegen sind -, sowie klassische Feuerwerkskörper. Was es nicht gab war Glühwein, sei’s in planetenfreundlichen, sei’s in planetenfeindlichen Behältnissen, aber man darf von streng reformierten calvinistischen Passivist:innen nicht gleich Frivolitäten verlangen, selbst wenn sie in Volksfeststimmung sind.

Außerdem waren die Aktivist:innen ohnehin schon klebrig.

Während all der Zeit konnte Sinterklaas zu seiner Verwunderung unbehelligt durch Staphorst reiten, und sich fragen, warum eigentlich niemand kam, seinen Piet mit Fußtritten außer Landes zu jagen. Auch der Piet wunderte sich. Hier stimmte doch etwas nicht. Konnte es sein, daß nicht nur der streng reformierte calvinistische Nordosten sondern ganz Restholland über Nacht genauso rassistisch geworden war, wie er selbst es – neuerdings – schon seit Jahrhunderten war? Und daß sie darum nicht hinter ihm her waren? Ängstlich blickte er sich um. Niemand da. Ihm war nicht geheuer. Aber durfte er, eine Person of fraudulent Color (PofC), überhaupt Angst vor Verfolgung haben? War das nicht schon kulturelle Aneignung? Schweiß mischte sich der Schuhwichse. Tastend vergewisserte er sich seiner Rute. Ihn fröstelte.

Das Fest ging weiter. Mit der in Jahrmilliardendauer erworbenen Langmut des stummen Dulders ruhte der Planet unter dem Staphorster Pflaster und scherte sich um nichts.

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